von Strahlung und anderen Miseren

Hier bin ich wieder, aber, wider Aller Erwartung, nicht von den Philippinen. Ich sitze gerade im Flugzeug Richtung Abu Dahbi und schreibe an meinem Finale. Ich habe mir extra damit in den letzten Tagen Zeit gelassen, da einfach zu viele Entscheidungen gefällt wurden und ich nicht damit anfangen wollte einen Eintrag zu schreiben, den ich dann später revidieren muss.

Doch um es alles zu erklären werde ich einmal chronologisch vorgehen. Nach dem Seminar im Februar haben wir hier in Lucena einige Treffen mit den EDUK Inc. Mitgliedern, den Leuten, die die Bücherei initiiert haben, gehabt. Malte und ich waren unglaublich positiv gestimmt, wir dachten nun kommt alles anders und haben uns all unsere Wünsche schon erfüllt gesehen. Karen, eine sehr gute Freundin und aktivste in EDUK, kam nach Lucena, wir haben Meetings gehabt zu den schon lange geplanten Sommeraktivitäten für die Kinder in der Bücherei und haben ein wenig Dampf abgelassen. Die Pläne lauteten, dass wir die gesamten 2 Monate der Sommerferien (April und Mai) für das Programm nutzen wollten und jeden Tag ein neues Thema ansteht, dass sich dann wöchentlich wiederholt. So kamen wir mit einem Spielemontag, einem Kunstdienstag, dem Tanzmittwoch, Photographiedonnerstag und zu guter Letzt dem Theaterfreitag auf ein rundes Programm für 7 Wochen. Wir planten natürlich sofort was wir an einem Tag anbieten würden. Malte übernahm den Spielemontag und ich den Photographiedonnerstag und somit verbrachten wir erst mal Zeit damit Fragen und Aufgaben auf zu schreiben, da Malte jeden Montag mit den Kindern das Chaosspiel spielen möchte und wir arbeiteten ein achtwöchiges Programm aus, um den Kinder den Umgang mit den Digitalkameras näher zu bringen.

Doch so richtig kam nichts in Schwung, der Flyer, den Karen fertig machen wollte und die Promotion, die Sunshines Aufgabe war, haben lange auf sich warten lassen. Es kam auch trotz Ankündigung zu keinen weiteren Meetings und stattdessen ging es wieder in den alten Trott. Allerdings kam dann doch vor 2 Wochen ein Meeting zu Stande und somit wieder Wind ins Segel. Doch es war ein neuer Plan auf dem Tisch. Das Programm wurde nun auf 4 Wochen gekürzt und die vorher ins Auge genommenen Nachmittags Programme mit Geographie, Lesen und Mathe Klassen wurde zu 90% fallen gelassen und als „maybe“ eingestuft. Von nun an ging alles Schlag auf Schlag, die Ereignisse überhäuften sich und es kam so wie es nun ist.

Das war bisher alles was zwischen meinem letzten Eintrag und dem 11. März passiert ist. An diesem Datum passierte das, womit keiner vor unserer Ausreise gerechnet hat. Ich konnte es nicht fassen. Ich war Nachts aufgewacht, es war gegen 3, und konnte nicht wieder einschlafen, unterhielt mich mit einigen Leuten aus Deutschland über facebook und war dann bald doch wieder so weit ein Auge zu zu machen. Der Grund warum ich das erzähle folgt nun, ich hätte mir dabei nichts weiter gedacht, wenn Malte am nächsten Morgen nicht zu mir gekommen wäre und erzählt hätte, das im gesamten Feuerring in der Nacht Beben waren. Das nächste merkbare war nur ein paar Kilometer entfernt gewesen und hatte eine Stärke von 5,0 auf der Richterskala. Damit war der nächtliche Wecker geklärt und er erzählte weiter, dass in Japan ein Beben der Stärke 9,0 war. Natürlich war ich sofort auf den Nachrichtenseiten und hab mir ein Bild der Katastrophe gemacht.

Ein Desaster, das in den Jahren nach uns in Geschichte gelehrt werden wird. Ein Stück Geschichte wurde in dieser Nacht geschrieben und bis heute sind mehr als 26.000 Menschen vermisst oder gestorben. Ich kann bis heute nicht fassen, dass es in meinem Nachbarland passiert ist und die Bilder verpassen immer noch ein Gefühl von Hollywood in mir. 22 Meter soll die Welle hoch gewesen sein und es war ein Wunder, dass wir keine Auswirkungen davon in Luzon hatten. In dem Moment war das Beben aber noch das große Problem und die Zerstörungswut des Tsunami. Doch mit den Nachrichten kam auch die Information zu Fukushima Daiichi langsam immer mehr in den Vordergrund. Wir waren einfach alle geschockt.

So gut so weit. Aber nun geht es weiter. Ich hoffe es langweilt euch nicht zu sehr aber ich finde, dass es einfach alles dazu gehört, um meine Entscheidung zu erklären, warum ich jetzt grade 34.000 Fuß über der Erde bin und diesen Bericht schreibe und nicht in Lucena. Und alles was jetzt noch wichtig ist passierte bis vor einer Woche.

Ich hatte viel Zeit nach zu denken und hab die ganze Zeit abgewogen was ich mache. Auf der einen Seite ist für die Philippinen keine Reisewarnung draußen und es ist einfach keine akute Gefahr gewesen, wie sie zu Tschernobyl war, da die Winde komplett anders stehen (Wobei es sich gestern gezeigt hat, das die Winde unberechenbar sind, als eine Xenon-133 Wolke in Manila ankam). Dennoch besteht das Risiko, dass durch Nahrung, Regen und Nukleidwolken ein Teil der Strahlung aus dem Kraftwerk auch bei uns landet. Ich war mir am Anfang darüber nicht sicher wie ich das alles einschätzen sollte. Wie bereits gesagt, war das eine Katastrophe, die keiner eingerechnet hat und worüber man sich auch meiner Meinung nach noch keine rationale Meinung bilden kann. Ich war mir auf jeden Fall sicher, dass ich nicht in 30 oder 40 Jahren an Krebs erkranke und mir selber Vorwürfe mache, weil ich nicht abgeflogen bin und meinen Enkelkindern nicht beim Spielen zu gucken kann sondern im Krankenhaus liege und mit Krebs kämpfe. Nach einigem hin und her habe ich mich dann am Samstag (19.März) entschieden nach hause zu kommen und dieses Risiko nicht ein zu gehen. Ich bereue die Entscheidung auf eine Weise, die ich nicht beschreiben kann. Aber ich bin froh und ich kann es mit meinem Gewissen vereinbaren das ich gerade im Flugzeug sitze, da ich der Meinung bin, das im Zuge eine Voluntariats keine Rechtfertigung liegt sich radioaktiv zu belasten.

Es mag vielleicht ein ungewöhnlicher Grund sein ein Jahr wie dieses ab zu brechen, aber es ist nur ungewöhnlich, weil so eine Situation gar nicht erst zu Stande kommen darf und der Fehler in der Unterschätzung der Natur liegt. Anders als bei politischen Unruhen oder bei einem Erdbeben/Tsunami ist diese Katastrophe weder sichtbar, noch kann man ein Ende sehen und noch kann man es einschätzen was es für Auswirkungen hat.

Somit endet meine Erfahrung auf den Philippinen. Ich hoffe ich werde die ganzen tollen Leute, die ich kennen gelernt habe wieder sehen. Denn auch wenn es nicht all zu viele waren, waren die, die ich hatte um so toller. Ich wünsche Malte viel Glück mit dem Sommerprogramm, hoffe es geht alles so wie wir es uns ausgearbeitet haben und es wird ein voller Erfolg. Denn in der Zeit nach dem Beben haben wir doch noch alles in die Gänge bekommen und es sollte nun laufen. Ich wünsche mir, dass die letzten Monate für ihn noch einmal eine komplett neue Erfahrung werden. Er war mein erster Bruder und ich war sein erstes Geschwisterkind. Wir hatten eine tolle Zeit, man hat sich geärgert und manchmal war man nicht einer Meinung, aber mittlerweile würde ich für ihn einstehen wie für meine Schwester. Ich kenne seine Denkweise, ich kenne seinen Frauentyp und ich weiß was er am liebsten isst. Das kann man nicht von vielen Menschen behaupten.

Und damit mache ich Schluss.
Euer Jan